NEBENAN

Nahezu im Wochentakt laufen Berichte über Kindstötungen über die Nachrichtenticker des Landes. Exemplarische Fälle wie die neunfache Kindstötung in Brandenburg, der Tod von mehreren Säuglingen in Mühlhausen oder von der verhungerten Jessica in Hamburg lösen bundesweit Wut und Betroffenheit aus. Am Pranger stehen dann die Mörder und Mörderinnen, die von der Gesellschaft mit großem Gestus ausgestoßen werden.

Warum?

Gerade Eltern können nicht nachvollziehen, wie man das eigene Kind umbringen kann. Aber eben sie wissen auch, in welche emotionalen Grenzbereiche ein Kind Eltern bringen kann. Insbesondere Säuglinge und Kleinkinder können auch die geduldigsten Mütter und Väter zur Verzweiflung bringen. Die Unwissenheit um die Bedürfnisse des Kindes, deren Nichtzugänglichkeit für rationale Argumente, das Fehlgehen der Kommunikation löst bei Eltern nicht selten Aggression gegen das Kind aus. Auch wenn der Tod eines Kindes selten ist, viele Eltern berichten über Situationen, in denen sie sich in der Aggression gegen ein Kind nicht wieder erkennen. Diese Hilflosigkeit dem Kind und den eigenen Emotionen gegenüber wird um vieles verstärkt, wenn das Umfeld der Mütter und Väter nicht in der Lage ist, diese Nöte aufzufangen.

Wegschauen

Doch wann ist auch der Nachbar gefragt, einzugreifen? Wann ist das Klingeln nicht nur eine Peinlichkeit für alle, sondern eine Notwendigkeit und Hilfe? Ist jedes Schreien eines Kindes immer auch ein Hilferuf, dem man folgen muss? Die Frage des Wegschauens und Ignorierens oder aber des Eingreifens und Handelns ist eine, die nicht nur der Nachbar, sondern auch eine Gesellschaft beantworten muss.

Denn gerade in einem Milieu, in dem Perspektivlosigkeit, Armut, Gewalt, Bildungsnotstand und Arbeitslosigkeit vorherrschen, scheint die Hemmschwelle zur Gewalt geringer zu sein. Und auch anonymes Wohnen, welches in großen Plattenbausiedlungen die Regel ist, erscheint als einer der Gründe, weshalb Kindstötungen vor allem dort stattfinden. Den Tätern und Täterinnen allein die Schuld zuzuweisen, ist die Regel und geht wohl doch fehl.

Künstlerische Auseinandersetzung

Um diese Themenkreise geht es in „Nebenan“. Der Film setzt sich emotional mit dem Thema Kindstötung auseinander, indem er Fragen aufwirft, ohne in stereotype Erklärungen zu verfallen und schockiert, ohne den Scheiterhaufen zu fordern. Bei aller Hilflosigkeit zeigt der Film aber vor allem eins: Dass man hinschauen und sich einmischen muss. Ein Kurzfilm kann sicher nicht die Lösung aufweisen und „Nebenan“ will das auch nicht. Aber der Film möchte bei den Zuschauern eine Auseinandersetzung mit dem Thema Kindstötung anregen.