NEBENAN

Nebenan schreit ein Kind. Jeden Tag. Gesehen hat SILKE das kleine Kind der neuen Nachbarn nie. Doch erstmal hat sie andere Sorgen: Sie hat keine Arbeit und kaum Geld. Für ihre zehnjährige Tochter MICHI ist das Keyboardspielen alles, aber Silke kann den Unterricht nicht mehr bezahlen. Wenigstens bringt FRAU BAUM, die über ihnen wohnt, die abgetragenen Sachen ihrer Jungs, damit Michi neue Kleidung bekommt.

Das Schreien wird unerträglich

Das Kind nebenan schreit immer und immer wieder. Silke ist deshalb besorgt, sie horcht an der Wand, hört die Eltern des Kindes streiten, ist unsicher, was sie tun soll. Aber sie weiß auch, wie schwer es sein kann, wenn man das eigene Kind nicht beruhigen kann. Michi hat als Baby auch nächtelang geschrieen. Einmal hat Frau Baum deshalb bei ihr geklingelt – darüber, was damals passiert ist, schweigen sie heute.

Das Schreien ist jetzt unerträglich. Silke entschließt sich, doch bei den Nachbarn zu klingeln. Aber sie zögert und verschwindet schnell wieder in ihrer Wohnung, als die NACHBARIN verzweifelt auf den Flur flüchtet. Das Schreien hört auf und Silke kann wieder schlafen.

Angenehmer leben?

Silke hört das Schreien jetzt nicht mehr. Sie hat Schränke vor die Wände gestellt. Und wenn das nicht reicht, dreht sie das Radio lauter – oder erlaubt ihrer Tochter, ohne Kopfhörer Keyboard zu spielen. Sie denkt nicht mehr an das Geschrei nebenan. Nur als die Nachbarn wieder ausziehen, fallen ihr die zurückgelassenen Blumenkästen auf dem Balkon auf. Sie schleicht sich in die Wohnung und durchgräbt die Erde; sie ist erleichtert, dass sie nichts findet.

Aber die Erinnerung an ihre eigene Vergangenheit bleibt.